

Auftaktveranstaltung von „America Reloaded“ im Hebbel-Theater voller Erfolg!
„Hört auf, uns in die Unmündigkeit und Abhängigkeit zu helfen! Entwicklungshilfe ist imperialistisch!“ Mit diesem leidenschaftlichen Appell wandte sich der aus
Uganda stammende Politökonom Yash Tandon an sein Publikum. Auffallend viele junge Leute füllten gestern Abend das HAU1 in Kreuzberg.
Eingeleitet wurde die Eröffnungsveranstaltung der Diskussionsreihe „America Reloaded“ von Jean Ziegler. Unmissverständlich machte der streitbare Soziologe
und Menschenrechtler in seinem Vortrag klar, dass Entwicklungszusammenarbeit keineswegs ein rein akademisches Thema sei. Alle 10 Sekunden sterbe ein Kind
an Unterernährung. 2008 sei zum ersten Mal die Zahl der weltweit unterernährten Menschen auf über eine Milliarde angewachsen. Solches Elend sei aber nicht
schicksalshaft. Im Gegenteil: Es sei die Folge eines absurden und grotesken, weil mörderischen kapitalistischen Systems. Nüchtern analysierte Ziegler die
Strukturen der internationalen Abhängigkeit und Ausbeutung. Das provozierte mitunter Zwischenrufe beim Publikum. Eindringlich schilderte der langjährige
UN-Sonderberichterstatter für Ernährung den Hass auf den Westen, den er überall in den Gesellschaften des Südens wahrnehme. Deutlich distanzierte sich
Ziegler von dem, was er einen pathologischen Hass nennt: Hass, der Terror rechtfertigt. In einem analytisch bisweilen etwas bemühten Akt, sprach Ziegler
demgegenüber von einem vernunftgeleiteten Hass, einem Hass, der den Gesellschaften des Südens helfe, ihre eigene Identität auszubilden. Unbequeme Ansichten,
die vom Publikum aufmerksam verfolgt wurden. Die Frage nach den Handlungsspielräumen Barack Obamas umging der Professor allerdings elegant. Er beschwor zum
Abschluss seiner Einleitung die Rolle des Bürgers als des zentralen politischen Akteurs gegenüber jedweder Herrschaft. Es sei die Zivilgesellschaft, die
aktiv ihre Regierungen beeinflussen könne und auch müsse. Zivilgesellschaftliches Bewusstsein profitiere eben auch von der Globalisierung, in diesem Sinne
könne man hoffen.
Gibt es Anzeichen für eine neue Rolle der USA in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit? Welche Handlungsmöglichkeiten hat Barack Obama jenseits
der Rhetorik tatsächlich? Neben Jean Ziegler und dem Globalisierungskritiker Yash Tandon waren mit Beate Wagner, der Generalsekretärin der Deutschen Gesellschaft
für die Vereinten Nationen, und Ralf Südhoff, dem Leiter des UN World Food Programme Deutschland, zwei ausgewiesene Experten der internationalen
Entwicklungszusammenarbeit gekommen.
Einig war sich die Runde darin, dass Präsident Obama nur wenige Handlungsspielräume habe. Im Kern stünden strukturelle Dinge im Weg: der militärische Charakter
der US-amerikanischen Gesellschaft, ihr hegemoniales Selbstverständnis und vor allem die funktionalen Interessen ihrer Wirtschaftseliten.
Uneinig war man sich
dagegen in der Bewertung. Während die beiden Professoren Ziegler und Tandon in bisweilen sehr theoretisch anmutender Weise den Geist des Widerstandes und der
Identitätsbildung bei den Gesellschaften des Südens als Voraussetzung eines entwicklungspolitischen Dialogs auf Augenhöhe beschworen, erdeten die Praktiker
Wagner und Südhoff die Diskussion.
Eindringlich wies Ralf Südhoff auf den Unterschied zwischen humanitärer Soforthilfe und nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit
hin. Nicht nur rhetorisch gemeint war seine Frage, ob denn in den Theorien Tandons und Zieglers einkalkuliert sei, dass deren Umsetzung eine Generation an Leben
kosten würde. Beate Wagner war es, die den Gedanken der Hoffnung wieder in die Runde zurückholte. Zahlreiche einzelne Schritte seien seit der Amtsübernahme
Barack Obamas zu verzeichnen. Allen gemeinsam sei, dass hinter ihnen als Leitmotiv Dialog und Kooperation zu sehen sei.
Viel Stoff zum Nachdenken und ein gelungener Auftakt der Reihe "America Reloaded". Besonders das entwicklungspolitische Engagement und die Sachkenntnis, die
in den Fragen aus dem Publikum an die Podiumsteilnehmer in der abschließenden offenen Diskussion zu Ausdruck kamen, hätten sie beindruckt, so Grit Kümmele,
die Moderatorin und Vorsitzende des Freundeskreises Amerika Haus Berlin. „Während der Amtszeit von Präsident Bush arteten Debatten über Amerika oft in
pauschale Kritik aus. Seit Obama ist das anders. Die Leute, so hat auch dieser Abend gezeigt, sind wieder an sachlicher Auseinandersetzung mit Amerika und
amerikanischer Politik interessiert“, so Kümmele weiter.